Charkiw. Chronik des Angriffs auf die Stadt, der 81. Tag (15.05.2022)

Es gab heute keinen direkten Beschuss der Stadt. Das freut uns. In den Vororten im Norden ist die Lage schwierig – dort gibt es moskowitischen Dauerbeschuss – beschossen werden Prudjanka, Slatyne, Derhatschi sowie Pytomnyk, Rusjka Losowa, beide Tyschky, Petriwka und Tsyrkuny und auch das Dorf Ternowa, das zur Dorfgemeinde Lypetsk gehört. An einem der Frontabschnitte, wahrscheinlich gerade beim Dorf Ternowa, gibt es Vorstoß der Militäreinheiten des 227. Bataillons der 127. Brigade der Territorialverteidigung bis an die ukrainische Staatsgrenze.

Eines der Wohnhäuser im Stadtviertel Saltiwka (aufgenommen im März 2022) Autorin: Julia Husch, CC BY-SA 4.0.

Eines der Wohnhäuser im Stadtviertel Saltiwka (aufgenommen im März 2022) Autorin: Julia Husch, CC BY-SA 4.0.

Charkiw wird Schritt für Schritt in Ordnung gebracht, das merkt man vor allem in nördlichen Stadtteilen. Im Stadtteil, wo ich jetzt wohne, höre ich kommunale Fegemaschinen arbeiten. Das hört sich noch ungewöhnlich an. Wie schnell, nur binnen drei Monate, kann man sich vom normalen Alltagsleben abgewöhnen. Die Innenhöfe der Häuser in Saltivka sehen mit ihren zahlreichen Bombentrichtern wie gepflügt aus.

Was ich noch bemerkt habe, ist das Lauftempo der Passanten. Heute gehen Menschen in Saltiwka ohne Eile durch die Straßen, fast genauso wie im Stadtzentrum. Es fällt schwer, sich an beides zu gewöhnen: sowohl an das Bild der zerstörten Stadt als auch an die Rückkehr eines friedlichen Lebens. Noch im März bzw. April waren die Besuche der nördlichen Stadtteile einem gefährlichen Abenteuer gleich.

Menschen besuchen ihre Wohnungen, überprüfen den Wohnungszustand. Ein durchaus trauriger Blick ist, wenn der Wohnungsbesitzer seine ausgebrannte Wohnung aufzuräumen versucht. In meinem Haus gibt es mehrere solche Wohnungen. Die Menschen wurden evakuiert, in ihrer Abwesenheit traf das Haus ein Geschoss und sie haben alles verloren… Für viele ist ihre beschädigte Wohnung in einem beschädigten Haus ihre einzige Unterkunft. Sie verstehen sehr gut, dass falls ihre Wohnung sich für das Leben darin als ungeeignet erweist, wird die Lösung des Wohnproblems im besten Fall länger als Dutzend nächste Jahre dauern.

Der Bürgermeister der Stadt Terechow spricht jetzt nicht mehr von einer monatelangen Vorbereitung der U-Bahn auf die Inbetriebnahme, sondern von 2-3 Wochen. Die Charkiwer U-Bahn ist in einem relativ guten Zustand. Auch die bisherigen U-Bahn-Bewohner_innen sollten nun einen Wohnplatz bekommen. Nach Angaben des Stadtrats gibt es etwa viereinhalb Tausend von solchen Leuten in Charkiw.

Man könnte die besonders interessanten von den beschädigten bzw. halbzerstörten Wohnhäusern in Saltiwka zum Teil eines musealen Komplexes verwandeln, damit sie in der Zukunft die Rolle der stummen Zeugen des moskowitischen Beschiússes in Charkiw dienen. Nach dem Krieg sollte man diese Orte in die Stadtrundfahrten integrieren, auch für die ausländischen Tourist_innen.

Auf Wikipedia auf Seiten in verschiedenen Sprachen hat man sich auf Grund der Informationen vom Institut für Kriegsforschung beeilt, über das siegesvolle Ende der Schlacht um Charkiw zu informieren. Hier in der Stadt wird das etwas anders wahrgenommen. Wäre die Schlacht wirklich zu Ende, würden wir die Artillerieschüsse von den Vororten nicht hören. Für die Stadt Charkiw, deren Zentrum lediglich 40 Kilometer von der Grenze mit moskowien entfernt ist, könnte man von einem Schlachtende nur in dem Fall sprechen, wenn die Invasoren bis in den Grenzstreifen zurückgedrängt worden wären und die Stadt einen breiten Sicherheitsgürtel um sich herum bekommen würde. Es bedeutet leider nichts, dass Charkiw die letzten paar Tage nicht beschossen wird. Viele in der Stadt vermuten, dass die raschisten, falls sie unserem Militär auf seine aktiven Kampfhandlungen nicht mehr antworten müssen, wieder zum Beschuss der Stadt übergehen können.

Was ich immer wieder vergesse hier zu erzählen, ist die Geschichte mit Straßenumbenennungen in Krasnohrad: die moskauer Straße wurde in die Unabhängigkeitsstraße umbenannt, und der Gorki-Straße wurde ihr historischer Name zurückgegeben, nämlich Pokrowskastraße.

In Tschuhujiw ist ein moskowitischer Kollaborateur inhaftiert, der unsere Kampfpositionen und Truppenversetzungen an den FSB übergab. Diese Kreatur bereut das Gemachte keineswegs, denn sie hätte aufrichtig gehandelt. Zum Abschluss der Erklärung piepste der Typ „Es lebe russland“.

Am heißesten ist es in Richtungen Lyman, Sjewerodonetsk und Popasna – dort dauern schwere Kämpfe an, aber unsere mutigen Verteidiger halten raschistische Angriffe zurück.

Zum Schluss auch noch eine lustige Geschichte mitteilen. Unter den in Saporischschja erbeuteten Trophäen hat die Kyjiwer Militäreinheit „Asow“ nicht nur Fähnchen der sogenannten Luhansker Volksrepublik und moskowiens entdeckt, sondern auch einen Schal der prorussischen Regionenpartei aus der Wahlperiode. Draußen haben wir das Jahr 2022 und die Menschen leben immer noch im Jahr 2013, oder, genauer gesagt, lebten im Jahr 2013.

Unruhig bleibt die allgemeine Atmosphäre in moskowien. Es gab schon wieder Knalle in Bjelgorod. Außerdem wurde die Stadt mit Flugblättern beklebt, die angeblich von der Legion „Freiheit für russland“ angefertigt sind, mit der Forderung „die historische Gerechtigkeit zu erkämpfen und Bjelgoroder Gebiet dem Charkiwer Gebiet einzuordnen“.

Wir danken unseren Verteidigern für die Ruhe in Charkiw, für den Schutz der Ukraine vor den Okkupanten! Wir glauben an die Streitkräfte der Ukraine, an die Nationalgarde der Ukraine und an unsere Territorialverteidigung! Helfen wir den Freiwilligen, dem Medizinpersonal und den Rettungsdiensten. Unterstützen wir einander – das ist überaus wichtg. Dann wird alles Ukraine sein!

Serhij Petrow