Charkiw. Chronik des Angriffs auf die Stadt, der 47. Tag (11.04.2022)

Heute war es sehr laut. Der Beschuss nahm zu. In der Nacht wurde die Stadt auch mit Minen mir verzögerter Detonierung beschossen.

Es gibt heute viele Beschüsse. Gestern war ein „Feiertag“ und eine Art Stillstand (obwohl nicht ganz). Im Laufe des Tages und gegen Abend nahmen die Beschüsse zu. Gefeuert wurde auf Saltiwka, Welyka Danyliwka, Oleksijiwka, Pawlowe Pole. Pjatychatky und Zhukowski-Siedlung, Nemyschlja, Obrij, Rohan, Traktorwerk, Nowi Budynky, Lyssa und Cholodnya Hora. Die Beschussgeografie war heute besonders breit. Ein Mensch in einem relativ ruhigen Teil des Wohngebiets Saltiwka wurde getötet, noch 13 sind verletzt. In einem anderen Wohnbezirk wurde ein Kind getötet, noch zwei Kinder wurden verletzt.

Ein teilweise zerstörtes Wohnhaus in Charkiw. Foto: Hauptverwaltung des Ukrainischen Notdienstes in der Region Charkiw.

Die nördlichen Stadtteile und das Traktorwerk wurden in der Nacht aus „Uragans“ mit Minen mit verzögerter Detonierung und Reaktion auf Bewegung oder Metall beschossen. Heute entschärften die Militäringenieure den ganzen Tag moskowitische „Geschenke“ in diesen Stadtteilen. Den Einwohnern wurde aus Sicherheitsgründen strengst verboten, ihre Häuser zu verlassen. Man fand Minen vor Häusern, auf Kinderspielplätzen, Dächern, Dachboden. An einem Tag wurden über 80 Minen entschärft.

Beschossen wurden auch Vororte – Derhatschi und die dazu gehörenden Orte, sowie Tschuhujiw. Nach offiziellen Angaben sind in der Region (ausgenommen besetzte Bezirke) acht Personen umgekommen, und noch 19 (darunter zwei Kinder) sind verletzt.

Morgen werden einige Ampeln in Charkiw wieder eingeschaltet. Bis Ende der Woche noch ein Teil. Die Ampeln werden nun von 8 bis 19 Uhr funktionieren. Beim zunehmenden Verkehrsaufkommen ist es notwendig, denn eineinhalb Monate ohne Ampeln und Verkehrsregeln führten zu vermehrten Unfällen.

Wegen der Meldung des Generalstabs über den möglichen Angriff auf Charkiw ist die Situation in der Stadt gespannt. Ich vermute, dass jetzt noch eine Evakuierungswelle kommen wird. Besonders nach dem Beschuss mit Streumunition mit Minen. Das ist normal. Wer weder bei der Stadtverteidigung, noch in der Infrastruktur, noch als freiwilliger Helfer eingesetzt ist, kann ausreisen. Jeder hat hier freie Wahl. Es ist besser, wenn Zivilisten potentielle Kampfzonen und Beschussgebiete sowie die von unserem Militär kontrollierten nördlichen Vororte verlassen. Ich will hiermit keine Panik machen. Ich stelle einfach unverblümt fest: das Wichtigste ist jetzt zu überleben. Als in meinem Wohnviertel gefährlich wurde, bin ich auch von dort weggezogen.

Die regionale Verwaltung behauptet, es gäbe keine Gründe für Massenevakuierung aus Charkiw.

Viele Stadtbürger wollen bleiben und durchhalten. Wenn es letztendlich ungefähr ein Drittel der Bevölkerung von Mitte Februar bleibt, ist es normal.

Wenn man ein „Objekt“ dokumentiert (das heißt noch ein durch den Beschuss beschädigtes Gebäude), und über dem Kopf gerade etwas fliegt, – das ist, natürlich für einen Zivilisten eine „interessante“ Erfahrung. Gut, wenn das unsere Luftabwehr ist. Vor einigen Tagen fuhren wir zu einem „Objekt“, um einen alten Treffer zu dokumentieren, und fanden dort zwei neue – eine oder zwei Stunden vor unserer Ankunft. Man arbeitet, hört die Schüsse, dann Explosionen ganz in der Nähe. Aber man muss arbeiten, schnell alle Details dokumentieren. Und das ist kein Heldentum. Das ist einfach unser Beitrag zum Sieg über moskowiterland. Die Feuerwehrleute löschen ständig Brände in solchen Bedingungen – das ist ein wahres Heldentum.

Am Abend war in Charkiw Gewitter. Manche können den Donner von der Artillerie nicht unterscheiden. Das ist eine Wettererscheinung, an die sich die Charkiwer Bürger gewöhnen müssen.

Generell gibt es im Gebiet Charkiw nur wenige Nachrichten. Es dauern Kämpfe bei Isjum in Richtung Slowjansk, es dauern Kämpfe in Richtung Barwinkowe. Eine konkrete Information fehlt, wir wissen aber, dass es dort nichts Neues gibt. Die Evakuierung der Bevölkerung aus den Städten Barwinkowe und Losowa wird fortgesetzt.

Es ist bereits bestätigt, dass gestern Abend unser Militär einen Konvoi der raschistischen Truppen bei Kosatscha Lopanj befeuert hat. Die Totenanzahl ist natürlich nicht zwei Tausend Personen, wie manche behaupteten. Aber es wurden ziemlich viele militärische Fahrzeuge vernichtet. Die Flamme loderte schön, nach den Aussagen der Augenzeugen. Wie viele Besatzer tot bzw. verwundet sind kann man nicht genau sagen, es ist grundsätzlich unmöglich. Die heldenhaften ukrainischen Streitkräfte schießen weiterhin die Drohnen der Besatzer ab.

Auch an der nördlichen Flanke der Operationszone der Vereinten Kräfte (ukr.: OOS) werden Kämpfe fortgesetzt. Es werden Kämpfe um Rubischne und Popasna geführt, es gibt Versuche, Sjewerodonetsk im Sturm zu erobern. In jener Zone verwenden die moskowiter unbeschränkt Phosphorgranaten und -bomben. Auch an der Südflanke der Operationszone der Vereinten Kräfte haben die moskowiter keinen Vormarsch in Richtung Wugledar und Welyka Nowosilka im Donetzker Gebiet. Ich würde den Einwohnern der Städte Kramatorsk, Slowjansk, Druschkiwka, Kostjantyniwka u.a. raten, die Orte zu verlassen. So könnt ihr am Leben bleiben und dem ukrainischen Militär mehr Handlungsspielraum verschaffen.

Trotz allem kämpft das ukrainische Militär in Mariupol und hält die kreisförmige Verteidigung dort aufrecht. Die moskowiter können den Bezirk Azowstahl nicht einnehmen, deshalb haben sie heute gegen die Verteidiger Mariupols nicht identifizierte Chemiewaffe eingesetzt. Nach der Information von der Militäreinheit „Azow“ sind drei ihre Kämpfer betroffen. In Sozialnetzen wird vermutet, dass es chemischer Kampfstoff Sarin sein konnte. Solche Version wird durch die Tatsache angeregt, dass der neue Kommandeur der Invasoren Dwornikow ein berüchtigter syrischer Metzger ist und gerade unter seinem Kommando Sarin in Syrien verwendet wurde, wodurch viele Zivilisten betroffen waren.

Wichtig zu betonen sei, dass Vertreter der moskowitischen Besatzungsverwaltung im besetzten Donetzker Gebiet Basurin an demselben Tag einem der raschistischen Fernsehsender sagte, dass um das ukrainische Militär aus dem Azowstahl-Labyrinth zu vertreiben, müsse man chemische Waffe einsetzen.

Dass ein unbekanntes Gas mit paralytischer Wirkung eingesetzt wurde, bedeutet, dass die moskowiter durchaus dazu fähig sind, chemische Waffen überall und jederzeit einzusetzen. Wir müssen dessen bewusst sein: es gibt kein Kriegsverbrechen, zu dem moskowien nicht fähig wäre, um eine Stadt oder ein Territorium erobern. Für die raschisten sind Menschen, die dort wohnen, nicht wichtig (sie stehen erst am zweiten oder gar dritten Platz), von Belang ist für sie nur das Territorium und die Möglichkeit der territorialen Kontrolle. Das Territorium als Element der Größe und als Fetisch.

Und hier eine lustige Geschichte: Es ist dokumentarisch bewiesen, dass die moskowiter Kyjiw mit topographischen Karten aus dem Jahr 1985 angegriffen haben. Damals gab es natürlich noch keine Explosion im Kernkraftwerk Tschornobyl und auch die 30-Kilometer-Zone um den Reaktor herum gab es noch keine. Diese Tatsache deutet mindestens auf folgendes hin: a) sie haben Geschichte nicht studiert; b) es gibt keine Gedenkpraktiken in moskowien, um die Opfer der Tschornobyl-GAU zu ehren, solche Gedenkpraktiken sind in moskowien sehr lokal; c) das Wichtigste für sie ist das Territorium und nicht die Sicherheit. Und die Anschläge auf das Charkiwer Gebiet orientieren sich nach den Karten aus dem Jahr 1988. Damals übrigens hat man mit der Bebauung des Nord-Saltiwka erst begonnen.

Und die zweite lustige Geschichte. Wie es sich herausgestellt hat, lebte eine der moskowitischen Einheiten in einem der Bezirke in Mykolajiw Gebiet in einer selbstgebastelten Mulde. Nicht einmal in einem indianischen Wigwam. Wahrscheinlich reichte ihr Gehirn nur für ein Wohnloch.

Unruhig ist es in moskowitischen Gebieten, die an die Ukraine grenzen. Nachdem in den Gebieten Bjelgorod und Kursk gelbe Gefährdungsstufe eingeführt wurde, ist nun auch in Woronezh Gebiet gelbe Gefährdungsstufe eingeführt, und in Brjansk Gebiet ist das Niveau der vermeintlichen Gefahr einfach hoch. Die russische Eisenbahn hat auch Telegramme in die Regionen Rostow und Krasnodar geschickt, wo die Notwendigkeit betont wurde, dringende Maßnahmen zur Sabotageabwehr sicher zu stellen (um sich vor einem Eisenbahnkrieg zu schützen oder wovor?). Die moskowiter erzählen inzwischen, dass die ukrainischen Streitkräfte Wohnviertel in Bjelgorod und verschiedene Objekte auf der Krim beschießen wollen. Es ist echt interessant, wann denn Woronezh bombardiert werden soll?

Die russische Eisenbahn wurde das zweite Unternehmen in moskowien, das mit Schulden in Verzug geriet (das ist wohl der wichtigste Grund für die Einführung der Maßnahmen zur Sabotagebekämpfung?). Das erste Unternehmen war noch Ende März „Sjewjerstal“. Das ist sehr symbolisch. Derzeit wird das moskowitische Kreditniveau auf einen Zustand des „selektiven Ausfalls“ reduziert. Die haben noch drei Wochen Zeit, um die Währung für die Tilgung der Auslandsschulden zu finden, sonst kommt es zum ersten Ausfall der Auslandsschulden seit 1917. Der Zahlungsausfall vom Jahr 1998 war, wenn wir uns das in Erinnerung genau rufen, auf inländische Verpflichtungen zurückzuführen.

Heute wird mit dem Darwin-Preis das Rote Kreuz für die Lieferung des Flaschenwassers aus Suceava (Rumänien) nach Dnipro ausgezeichnet. Das ist die bisher größte Hilfsoperation des Roten Kreuzes für die Ukraine. Sie haben also nach 40 Tagen verstanden, dass das größte Problem im Kriegsgebiet Mangel an Trinkwasser sei. Für das Rote Kreuz liegt das Kriegsgebiet in Dnipro. Oder genauer, Dnipro ist für das Rote Kreuz der sichere Ort, weil beim Gedanken, nach Charkiw oder nach Kramatorsk zu fahren, rutscht diesen „Helden“ das Herz in die Hose. Ich würde diese Organisation, oder mindestens ihre ukrainische Tochterstelle, schließen. Weil sie wirklich komplette Idioten sind!

Wir glauben an die ukrainischen Streitkräfte, wir vertrauen ihnen! Unterstützen wir die Freiwilligen, medizinische Mitarbeiter:innen, Stadtwerke und Rettungsdienste. Kümmern wir uns umeinander! Wir haben nur die eine Ukraine!

Serhij Petrow

історик, аналітик Інформаційного Центру "Майдан Моніторинг" (сайт "Майдан"), громадський активіст, редактор української Вікіпедії

1 Kommentar zu "Charkiw. Chronik des Angriffs auf die Stadt, der 47. Tag (11.04.2022)"

  1. Дякуємо за підтримку! Харків нищать бомби та снаряди російської мерзото-огидної нечисті… Багато загиблих, нажаль… Але Україна переможе!!!

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